Wissen / Reportage

Bunte Welt

Was ist am Tüfteln so toll?

Ob Eisenbahnen, Gelenkbusse oder Bagger: Wenn es um Technik geht, leuchten Jonathans Augen. Der Elfjährige vom Bodensee will herausfinden, wie Technik funktioniert. Dann setzt er alles daran, ein Modell zu bauen, das dem Vorbild möglichst ähnlich ist. Sein neuestes Ziel ist ein fliegender Zeppelin. Ob das Modell wirklich aufsteigt?

Extra für den Besuch des Reporters bugsiert Jonathan mit Papa Dominik das Gerüst seines Zeppelins aus der Wohnung hinunter bis auf den Rasen hinter dem Haus. Hat alles den Transport heil überstanden? Hm, Spannseile und Kabel, Pilotenkanzel und die sechs Propeller scheinen in Ordnung zu sein. Ihre Motoren lassen sich mit der Funkfernbedienung problemlos steuern. Was noch fehlt, wird erst am nächsten Samstag eingebaut. Dann fährt Jonathan in den Schwarzwald, um seinen Zeppelin beim Fan Club Tag von fischertechnik zu präsentieren. Aus Baukästen dieser Firma stammen die Teile des Zeppelins.

Noch 110 Stunden! Dann füllen acht lang gestreckte Ballons das Gerüst aus. Wenn alles klappt, wird das Helium-Gasgemisch in den Ballons für so viel Auftrieb sorgen, dass der Zeppelin aufsteigt. Jonathan und sein Vater haben ausgerechnet, dass die Gasmenge ausreichen sollte. Beim Gedanken daran steigt auch in Jonathan die Spannung. „Ich glaube, er wird fliegen. Hoffentlich habe ich alles bedacht." Ein Blick in den Himmel hatte Jonathan auf die Idee gebracht. Über das Zuhause der Familie schweben regelmäßig große Zeppeline aus der nahegelegenen Luftschiff-Werft in Friedrichshafen. So baute er vor zwei Jahren sein erstes Zeppelinmodell: Es war klein, hatte bloß einen Propeller und konnte auch nur rollen. Bei der nächsten fischertechnik-Ausstellung bekam Jonathan dafür zwar viel Lob, aber: „Besucher fragten mich, ob ich auch einen fliegenden Zeppelin bauen könnte."

Dieser Wunsch ließ Jonathan nicht mehr los. Bald stieß er auf eine knifflige Frage: Wie viel Gas braucht ein Modell, um zu fliegen? Ein kleiner Zeppelin ist leicht, kann aber auch nur kleine gasgefüllte Ballons aufnehmen. In einen größeren Zeppelin passen mehr Gasballons, aber er ist schwerer – und braucht deshalb noch mehr Gas. Jonathan schrieb einen Brief an die Zeppelin-Werft und schilderte sein Problem. Wochen später lag eine Antwort im Briefkasten. „Die Ingenieure gaben mir Tipps und fanden es toll, dass ich die wichtigste Frage erkannt habe, um die es auch beim Bau großer Luftschiffe geht."

14 Meter lang! So groß hätte Jonathans Modell sein müssen, wenn er es ähnlich wie die berühmten Luftschiffe des Grafen Zeppelin aufbauen würde. Dafür hätten seine Bausteine niemals ausgereicht! Bald darauf besuchte er mit seinen Eltern die Zeppelin-Werft – und sah dort das neueste Luftschiff: den Zeppelin NT. „Sein Gerüst hatte keine Rundbögen mehr, sondern dreieckige Träger. Dadurch war er leichter und konnte kleiner sein als frühere Zeppeline!" Zu Hause machten sich Jonathan und sein Vater wieder sofort ans Tüfteln. So entstand der zweite Bauplan: ein vier Meter langer Zeppelin mit acht Ballons. Stück für Stück entstand das Modell: zuerst in Jonathans Zimmer, danach zog er damit ins Wohnzimmer, um die größeren Teile zu montieren.

Kurz bevor die ersten Besucher zum Fan Club Tag kommen, füllt Jonathan das Gas in die Ballons seines Zeppelins. Minuten später ist klar: Sein Modell schwebt nicht empor! Jonathan ist enttäuscht. „Ich habe mich mit anderen Tüftlern unterhalten. Zwei Männer erzählten, dass sie vier Jahre lang immer wieder getestet haben, bis ihre selbst gebauten Drohnen fliegen konnten. Ich soll bloß nicht aufgeben und weitermachen, sagten sie." Ein Experte von fischertechnik schaut sich Jonathans Konstruktion genau an. Er sagt, dass es kaum möglich sei, einen Zeppelin noch leichter zu bauen. Jonathan hätte schon das Beste daraus gemacht. „Ich bin mit einem guten Gefühl nach Hause gefahren. Schon auf dem Rückweg habe ich über die Konstruktion des nächsten Zeppelins nachgedacht." Vielleicht baut er zuerst ein anderes Modell: ein Baggerschiff. Das Vorbild dafür hat er im Fernsehen gesehen. Dieses Schiff wird gerade gebaut und soll in Dubai vom Meer aus Gestein wegfräsen und die darunterliegende Salzschicht abbauen. „Klingt spannend, oder?"

Fotos: Gerhard Bayer; privat; fishertechnik
Dezember 2019